Aus dem anstrengenden Pilgerleben

Verwöhnt wie wir sind, versuchen wir so lange wie möglich Schlafsäle zu meiden. Die von uns bevorzugten Doppelzimmer sind höchst unterschiedlicher Natur. Mal so klein, dass man kaum Platz hat den Rucksack auszupacken, mal Ballsaalartig groß. Wenn wir Glück haben, bekommen wir zwei einzelne Betten, oder wenigstens ein Bett mit zwei Matratzen. Die bevorzugten „französischen Betten“ mit nur 150 -180 cm breite sind uns ein Graus. Da kann man ja gleich auf einem Trampolin schlafen.

Den Wecker stellen wir uns für 6.00 bis 6.30 Uhr, was aber gar nicht nötig ist, denn ab 5.00 Uhr steppt draußen der Bär. Ab 6.30 bis 7.30 findet die Schlacht am Frühstückstisch statt, was eigentlich auch nicht nötig ist, denn meistens gibt es Baguette vom Vortag mit Butter und Marmelade. Mit viel Glück erhascht man einen Naturjoghurt, meistens gibt es aber auch diesen nicht.

Zwischen 7.30 und 8.15 Uhr sind wir dann unterwegs. Das Navi hätte ich mir sparen können, denn obwohl ich eine neue, aktuelle Wanderkarte geladen habe, hat sich der Weg zum Vorjahr an vielen Stellen geändert. Leider ist der Weg dadurch nicht kürzer geworden, aber den alten Weg kann man meist nicht mehr gehen, da er verwildert und zugewuchert ist. Ich hatte mir die GPX-Daten eines Pilgers aus dem Internet heruntergeladen, um damit unsere Tour kilometermäßig leichter planen zu können. Jetzt ist jede Tour ein bis zwei Kilometer länger. Dies hört sich erst einmal nicht so schlimm an, aber durch Besichtigungen kommen auch immer wieder einige Meter hinzu. Bis Kilometer 20 ist Genusswandern angesagt, ab Kilometer 25 wird es schwer und derzeit geht ab Kilometer 30 nicht mehr viel. Dazu haben wir seit 4 Tagen Temperaturen über 30° C, was das Wandern nicht vereinfacht. Ich habe jetzt alles im Rucksack in leichte Müllbeutel verpackt, da ich selbst die dicke Rückenpolsterung durchschwitze.

Glücklich in der Unterkunft angekommen, wird einem zuerst ein kühles Getränk angeboten und meistens gilbt es ein freudiges Hallo mit bereits angekommenen Pilgern, die man schon einmal unterwegs oder in vorherigen Unterkünften kennen gelernt hat. Jetzt aber schnell aus Zimmer, duschen, Unterwäsche, Socken und Hemd durchwaschen, denn pünktlich um 19.00 Uhr steht das gemeinsame Abendessen auf dem Tisch. Auch hier sind die Regularien wie auch die Unterkünfte ganz unterschiedlich. Es gibt immer eine Vorspeise, einen Hauptgang und eine Dessert, dazu Wasser und Wein. Mal ist es hohe Kochkunst, mal ist es Hausmannskost und Fruchtjoghurt im Becher. Aber immer sehr schmackhaft und nahrhaft. In einfacheren Unterkünften wird anschließend von den Pilgern selbst gespült und der Tisch gleich wieder für´s Frühstück eingedeckt. So dauern die Abendessen immer zwischen 1,5 bis 2 Stunden. Auch wenn ich nicht immer alles verstehe und Anne mir vieles übersetzt, ist es eine angenehme Zeit des Austausches mit den anderen Pilgern.

In der Zwischenzeit ist meistens die Wäsche schon getrocknet und kann für den nächsten Tag wieder hergerichtet werden. Alles was man nicht mehr braucht schnell im Rucksack verstaut, denn ab 22.00 Uhr fallen die Augen zu. Länger als 22.20 Uhr habe ich es bisher nicht geschafft. Dann ist Anne längst im Reich der Träume. Dank unseres Doppelzimmers schallt das Schnarchen aus den anderen Zimmern nicht ganz so laut herüber. Aber es gibt schon laut atmende Menschen …

Den gelaufenen Track und die Tagesdaten versuche ich immer in der Zeit, in der Anne im Bad ist, hoch zu laden. Für Berichte schreiben reicht meist die Zeit nicht mehr. Bis zur Zieletappe nach dem Aufstieg der Pyrenäen, haben wir die Tour vorgeplant und vorgebucht. Vielleicht sind wir bis dahin noch fitter und schaffen die Kilometer schneller, oder wir müssen die Etappen etwas kürzer planen. Auf jeden Fall brauche ich mehr Zeit.

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Posted in Jakobsweg 2015.

Ein Kommentar

  1. Mit großem Interesse verfolgen wir euer Pilgerleben.
    “Frühstück” können die Franzosen nicht – das ist mal klar! Unklar bleibt, wie ihr nach derartig unnötiger “Verköstigung” in die Gänge kommt – und immer beachtliche Strecken schafft.
    Hoffentlich machen es die Spanier besser!

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