Falscher Ehrgeiz

4. Tag  Auvillar – Sainte Mere 28,1 km

5. Tag   Sainte Mere – Marsolan 21,6 km

Gestern wurde mein falscher Ehrgeiz heftig bestraft. 28 km sind für den zweiten Tag einer Wanderung mit viel Gepäck einfach zuviel. Doch nachdem es am Vortag auf sehr flacher Strecke so gut geklappt hatte, wollte ich auch die gestrige Etappe komplett laufen. Zwar ist die Region Midi – Pyrenees recht hügelig, aber wir kamen den ganzen Tag gut voran. Bis zum Ende unserer Mittagspause um 13.00 Uhr hatten wir auch sehr schönes Wetter. Doch es zogen dunkle Wolken auf und etwa 8 km vor unserem Ziel wollte uns der Himmel vor zu viel Sonne und Staub bewahren. Ein kurzer aber heftiger Regenschauer verwandelte den Weg in eine Rutschpartie. Fetter Lehmboden und nasses Gras sorgen nicht unbedingt für festen Stand.

Dennoch kamen wir weiterhin gut voran. 5 km vor unserem Ziel, es hatte längst aufgehört zu Regnen, dann die falsche Entscheidung. Da unsere Unterkunft genau diese 5 km abseits des Jakobsweges liegt, hatte die Inhaberin angeboten, uns am Abzweig mit dem Auto abzuholen und am nächsten Morgen dort auch wieder abzusetzen. Da der Ort Castet – Arrouy in dem der Abzweig liegt, nur über wenig ansprechende Unterkünfte verfügt, hatten wir die Unterkunft in Sainte Mere gebucht. Nun standen wir am Abzweig Ich bot Anne an, in der Unterkunft anzurufen und sich abholen zu lassen. Ich wollte unbedingt die letzten Kilometer noch laufen, zumal mein Navi eine ganz flache Strecke anzeigte. Alleine wollte Anne dann auch nicht abgeholt werden und so stiefelten wir los. Rauf, runter, rauf, runter, rauf, runter, nix mit flacher Strecke. Völlig fertig kamen wir kurz nach 17.00 Uhr in der Unterkunft an. Madame schimpfte ein wenig, weil wir nicht angerufen hatten, lud uns dann aber auf selbstgemachte Minzlimonade ein, sehr lecker und erfrischend. Eifrig erzählte sie Anne von ihren eigenen Pilgerwanderungen, unter anderem von Sainte Mere über Rom, Thessaloniki, Istanbul nach Jerusalem. Nach einer knappen halben Stunde musste sie uns noch unbedingt die Dorfkirche und andere „Sehenswürdigkeiten“ des Ortes zeigen. Erst heute ist mir bewusst geworden, was die gute Dame mit uns veranstaltet hatte. Bei Fußballern nennt man das Auslaufen. Wir hatten kaum noch Zeit uns zum Abendessen, leckere Tagine mit Rochen, Kürbis und Mandeln, frisch zu machen. Nach dem Essen vielen wir nur noch ins Bett und wollten von nichts mehr wissen.

Bis auf ein paar Blasen an den Füßen, selbst die beste Vorbereitung nutzt da nichts, ging es uns heute Morgen überraschend gut und wir konnten die heutige Etappe recht unspektakulär abspulen. Allerdings haben wir das Angebot angenommen und uns mit dem Auto zum Jakobsweg fahren lassen. Trotz ausgiebiger Pausen kamen wir bereits um 15.30 Uhr in unserer heutigen Herberge an. Hier konnten wir noch bei schönem Wetter im Garten ausgiebig relaxen. Anne liest ein Buch auf den E-Reader und ich quäle die Tastatur. Das Wasser im Schwimmbecken, das wir im Garten benutzen dürften, ist mir leider viel zu kalt.

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Posted in Jakobsweg 2015.

3 Kommentare

  1. Falscher Ehrgeiz, verspätete Klugheit oder lediglich Lernerfahrung?
    Selbstkritische Worte klingen im positiven Sinn demütig und bescheiden, scheinen aber den aktuellen Sachverhalt nicht wirklich zu treffen. Kurz nach Eurem Start ist völlig nachvollziehbar, dass Belastungsgrenzen noch unbekannt sind und ausgetestet werden wollen. Diese Grenzen verschieben sich natürlich mit Fortdauer der Wanderung, aber die Erfahrung nimmt ebenfalls zu und gestattet eine deutlich bessere Einschätzung von Leistungsvermögen und Belastungsgrenzen. Ihr habt Eure aktuellen Grenzen erprobt und erkannt. An dieser Erfahrung ist kein Fehler zu erkennen. Büßen werdet Ihr auf Eurer Pilgerwanderung ohnehin noch mehr als genug. Aber darum geht es doch schließlich auch bei einer Pilgerwanderung. Oder?

    Liebe Grüße aus einem bequemen Sessel im gemütlichen Heim. Ich beneide Euch!

    Karlheinz

  2. Hallo ihr Lieben,
    leider bin ich erst heute dazu gekommen eure ersten Tage zu verfolgen.
    Respekt für diesen großen Auftakt der Tour. Bei den Bildern werde ich richtig neidisch, traumhafte Landschaften und viele alte Steine.
    Für dieses Mal nur ein Tip an Hans, vertraue Deiner Frau und nicht dem Navi :-) .
    Renerische Grüße aus NOH auch an dat Eselchen

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